Die positive Seite von Risiken

In jedem Risiko steckt auch eine Chance. Das führen sich die Menschen seit Jahrtausenden vor Augen: Diebe, Krieger, alte und moderne Gladiatoren und Sportler, Duellierende und Schachspieler, nicht zuletzt Finanzexperten sind letztlich Verlierer oder eben Gewinner. Sie allen betreiben bewusst oder unbewusst Risk Management. Problematisch ist hierbei, wenn systematisch die Gewinn- oder Verlustseite hervorgehoben und die Andere verdrängt wird. Dann schätzen wir Risiken falsch ein.

Als könnte man die Sonne verschieben

Während die meisten der Vorgenannten die Folgen ihrer Fehleinschätzung sehr direkt erleben, kommt es bei Finanzexperten nur indirekt, zum Beispiel bei Lohnanteilen, oder manchmal gar nicht zu Verlusten. Es kommt hinzu, dass bei Finanzexperten die Haltung Risiken einzugehen mit einem ganzen System von Incentives gestützt wird. Kein Wunder wird in der Folge die Negativseite des Risikos, die der Positiven wie ein Schattenwurf entgegensteht so modelliert und behandelt als wäre diese stark optimierbar – so als könnte die Sonneneinstrahlung verstärkt werden und der Schattenwurf reduziert werden. Übersehen wird wahrscheinlich, dass dazu die gesamte Sonne verschoben werden müsste.

Die unterschiedlichen Sichtweisen in der Versicherungs- und Finanzwelt

Wer sich dagegen nur auf die negative Seite der Risiken konzentriert, sieht nur noch Gefahren und Unsicherheit. Dies erzeugt übermässig Angst und Angst lähmt. Es gilt, die Chancen und die Gefahrenseite zu sehen und gegeneinander abzuwägen.

Gefahr-Chance

Auffallend ist, dass sich die Darstellung des Risikos in der Versicherungs- und Finanzwelt grundlegend unterscheidet. In Ersterer stellen wir Schäden und Häufigkeit ins Verhältnis, wobei die Wahrscheinlichkeit und damit das Risiko eines Ereignisses mit zunehmender Grösse des Schadens abnimmt. Geht es um rein monetäre Güter erwartet man die höchste Wahrscheinlichkeit bei mittleren Erwartungswerten und das schliesslich resultierende Ergebnis innerhalb einer Standardabweichung.

Risiko Versicherung

Risiko Finance

Bildquelle: Haller, Matthias „Mittels Zufall sichern – durch Zufall scheitern“, S. 121

Der vergessene „Lucky Punch“

In der Finanzwelt herrscht die Idee der wahrscheinlichkeitsbasierten Steuerbarkeit, verknüpft mit der dominierenden Rolle des Finanzaspekts in der Führung. Dies relativiert seit den 1980er Jahren die Gefahrenperspektive und mit ihr den Blick auf die Fehlerpotentiale. Der Boxer weiss, dass ihn auch in den letzten Sekunden noch ein Lucky Punch des Gegners, der im bisherigen Verlauf „keine Chance“ hatte auf die Bretter schicken kann. Sozusagen ein Ereignis ausserhalb der Standardabweichung. Selbstüberschätzung, aber auch Unterschätzung der Situation, garniert mit Zufall liefern uns regelmässig Bestätigung, dass der Kampf eben erst am Schluss ausgestanden ist.

Diese Einschätzung gilt besonders für wertbasierte Risikomanagementkonzepte wie das Value-at-Risk. Im Vertrauensbereich, z.B. von 99% wird offenbar das realistischerweise Schlimmste miteinbezogen, doch bei näherer Betrachtung trifft das Gegenteil zu. Der Ansatz lässt die bedrohlichsten Extremsituationen sprichwörtlich links liegen.[1]

Fazit für das Risk Management

Die Denkweise über Risiken lässt sich nicht aus der Finanzwelt auf Versicherungen übertragen, und gleichermassen nicht in die umgekehrte Richtung. Beide Sichtweisen haben ihre Berechtigung. Und, sie ergänzen sich. Es bedarf einer Abwägung der positiven und der negativen Seite von Risiken. Dem voraus geht eine exakte Identifizierung der Risiken rund um einen Sachverhalt, woraus sich eine ausgewogene Auslegeordnung ableiten lässt, unter Einbezug von Wahrscheinlichkeiten und ohne Isolation des „Lucky Punch“. Dieser lässt sich übrigens oftmals auch versichern.

Marcello Biondo

Über Marcello Biondo

Der Analytiker. Marcello denkt, bevor er handelt. Seine Aussagen haben Hand und Fuss, was für uns Gold wert ist. Er ist ein bodenständiger Typ, dem seine Familie Halt gibt. Als Sportfanatiker trimmt er seinen Körper beinahe täglich, ist aber auch ab und zu als Zuschauer und seit neustem als Trainer an einem Spielfeldrand anzutreffen.

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